Vorwort Vito von Eichborn

MEINE BUCHHÄNDLERIN SAGTE MIR,
»JA«, SAGTE SIE …

Ja, anspruchsvollere Literatur, in der die eigene Geschichte hinterfragt und aufgearbeitet wird, hat doch immer eine Chance. Und, ja, gerade auch von Männern. Aber nur, wenn es nicht zu innerlich, also zu psychologisierend ist.
„Worum geht es denn in diesem Roman?“
„Samuel, der Ich-Erzähler, geht auf eine Suche, gewissermaßen eine lange Wanderung auf unsicheren Beinen. Er sucht Saskia, seine verlorene Liebe. Und er sucht seine Mutter und seinen Vater, die ihn schon früh verlassen haben. Ihnen nähert er sich in einem langen Brief, den er einen Tag und eine Nacht lang schreibt …“
„Moment mal“, unterbrach mich meine Buchhändlerin, wie sie das immer tut, „wann und wo spielt das überhaupt ? Und wie ist der Plot? Die Leser – und vor allem die Leserinnen – wollen ihr eigenes Erleben wiederfinden.“
Na klar, meine Buchhändlerin suchte immer klare Argumente, die entscheidenden Sätze für ihre Leserinnen. Das fiel mir schwer, weil Empfinden, Melancholie, innere Bewegung und Nachdenklichkeit in einem literarischen Roman nicht unbedingt als Verkaufsargumente taugen. Ich versuchte es.
„Es spielt im Laufe des letzten halben Jahrhunderts unserer Zeit. Das Tagebuch von Samuels Vater und die politischen Geschehnisse der Studentenbewegung bilden die wiederkehrende Folie. Samuels Mutter verließ sie, als sein Vater damals fremd ging. Der starb, als Samuel noch ein Junge war. Und Samuel erzählt seine Liebesgeschichte mit Saskia in den neunziger Jahren. Der Autor verschränkt das historische und das aktuelle Geschehen, das Tagebuch und den Brief an seine Eltern.
Auf seiner Wanderung in die Vergangenheit und eine vage Zukunft erzählt Samuel leidenschaftlich und zornig, manchmal leise und poetisch. Auf seiner Suche begegnet er Männern und Frauen, begehrt, liebt, verletzt, ist einsam und gemeinsam“
Sie schwieg, da redete ich weiter.
Immer wieder zurückgezogen von den Menschen gibt Samuel sich den Wirren neurotischer Wurzeln hin, mit der Ironie wachsender Distanz. Er sitzt in Freiburg auf seinem Balkon, erinnert, grübelt und schreibt. Er wandert allein durchs Allgäu, und wenn er auf Menschen trifft, fühlt er sich gestört und erfährt doch deren Nähe.“
Ich unterbrach. Meine Buchhändlerin schaute nachdenklich.
„Das klingt schön“, meinte sie. Dann: „Aber ist das nicht alles sehr privat? Gar eskapistisch?“
„Aber nein, überhaupt nicht“, wehrte ich erschrocken ab, „nein, denn – ganz ohne belehrend oder gar vordergründig zu sein – im Hintergrund spielt die bundesdeutsche Geschichte eine beständige Rolle, in der wir und unsere Eltern zu Hause waren. Vom Berlin der sechziger Jahre über die RAF und die Ost-West-Spaltung, die deutsche Vereinigung bis Joschka Fischer und Attac sind Samuels Suche nach Verstehen, nach Liebe und Glück eingebettet in zeitgenössische Zusammenhänge in denen wir Älteren uns wiederfinden, und die die Jüngeren aus Erzählungen kennen. Genau genommen ist Samuels Geschichte also unserer Geschichte. So oder ähnlich ging es vielen im letzten halben Jahrhundert. Damit gelingt Matthias Wagner etwas sehr Seltenes: ein zeitgenössischer Roman, der einerseits die Zeitläufte aus der Sicht der Dabeigewesenen verständlich macht, andererseits jedoch zu zeitloser Literatur wird.“
Mir fiel mal wieder auf, dass Literatur ja immer vom Gleichen handelt: Tod und Liebe, alltägliche Menschlichkeiten und die Suche nach Glück. Matthias Wagner fügt dem eine sehr liebevolle und fesselnde neue Facette hinzu.
„Ich seh schon“, meine Buchhändlerin hatte Feuer gefangen, „statt mich immer mit dem Unterhaltungskram rumzuschlagen, habe ich endlich mal wieder ein literarisch lohnendes Wochenende vor mir. Irgend’nen Krimi kann ich mit drei Sätzen ohne Lektüre empfehlen – Literatur aber muss ich eben doch selbst lesen.
Habe ich nicht einen tollen Beruf?“, und sie lachte schelmisch, als die Klingel der Eingangstür sie rief.
Ich kann dem nur beipflichten – und diese Lektüre sei nachdrücklich empfohlen:
Dieses Buch ist ein Gewinn.

Vito von Eichborn