Prolog

Leiser, Vater, leiser – ich fühle diese eindringende, biergetränkte Stimme, das Vibrieren der Gebärmutterwand:
Ein Kuhhirt als Bundespräsident – man glaubt es nicht … Lübke, Lübke, was für ein nichtssagender Name – lass dich nicht unterkriegen, Carlo!
Leiser, Vater, leiser! Warum nimmst du nicht den dicken, warmen Bauch um mich in deine großen Hände?! Rede, Mutter, streite mit ihm, ich spüre doch, wie alles oft enger wird um mich, wie hart meine Wände hier werden, wenn diese Stimme dröhnt … und deine Finger klammern sich um den Stift, der Gedichte schreibt, Tag und Nacht…
Lass Vater doch, sagtest du. Er hat so viel Kraft in sich, sein Geist muss sich laut bewegen, er ist für die Aktion geboren, ich liebe ihn dafür!
Andere sagen:
Er ist noch keine dreißig und trinkt schon einen halben Kasten Bier am Tag, wo soll das noch hinführen?!
Und Vater schreit:
… und die scheiß Chinesen treiben doch tatsächlich den Dalai Lama nach Indien ins Exil, ist es denn zu fassen?!
Schau in die Sterne, Väterchen … siehst du? Cassiopeia steht da, der rote Mars – vielleicht standen vor 40 Jahren die Sterne gleich? Ende 1959 im Winter, Arzthände halten mich an den Füßen kopfunter, schlagen auf meinen verschleimten Hintern damit ich schreie, damit sie Leben hören… muss Leben denn immer laut sein?! Ich atme doch, lasst mich in Frieden, legt mich auf den warmen, bebenden Bauch meiner Mutter … wo ist eigentlich Ihr Mann? fragt eine Arztstimme…
Ja, wo bist du eigentlich? Im Hinterhof des Mondes da oben? Oder auf dem Weg durch all die schwarzen Löcher, wie schon im Leben? Es donnert, Väterchen, hörst du?! Es donnert … doch der Himmel ist klar.
Klar, damals warst du mit deinen SPD-Kumpels saufen auf mich, auf meine tapfere Mutter, die weinte bei meiner Geburt, vor Schmerz, vor Alleinsein.
Lass ihn doch – er braucht das, er ist in Gedanken bei mir!
Und bei diesem Programm aus Godesberg:
… glaubt ihr wirklich, dass das die sozialdemokratische Zukunft ist?! Ist euch das Arbeiterherz in die Hosentaschen des Kapitalismus gerutscht?! Wollt ihr tatsächlich hinter diesem Blend-werk aus Wettbewerb und Privateigentum herhecheln…
Weißt du noch, Väterchen, als wir unter den Sternen saßen? Du und ich, irgendwann, viele Jahre später. Du hast mir die Zusammenhänge der Welt erklärt, wie so oft. Du sprachst von einem Che Guevara und von einer Ulrike Meinhof, du zogst über die Amis her, über diesen Krieg in Vietnam, du zeigtest mir die Narben von irgendwelchen Revolutionen.
Vaterstolz und Liebe trugen mich zum großen Bären, ließen dich zurück auf dieser kleinen Erde, und im Universum fand ich meine Mutter, die Gedichte schrieb…
Hesse, Heine, Hölderlin – ich höre deine Stimme, Mutter, ich sehe sie im schweren, süßen Dunst all der Joints und Räucherstäbchen, sie bahnt sich einen Weg zu den Sinnen der Kommunegeschöpfe, die verstreut auf den Matratzen liegen und gebannt auf deine sinnlich fliegenden Lippen starren:
Bald, da du fort warst, und noch in den Tagen des Abschieds fing es an. Eine Kraft im Geiste, vor der ich erschrak, ein innres Leben, vor dem das Leben der Erd erblaßt’ und schwand, wie Nachtlampen im Morgenrot – soll ich’s sagen? ich hätte mögen nach Delphi gehn und dem Gott der Begeisterung einen Tempel bauen unter Felsen des alten Parnaß, und, eine neue Pythia, die schlaffen Völker mit Göttersprüchen entzünden, und meine Seele weiß, den Gottverlaßnen und allen hätte der jungfräuliche Mund die Augen geöffnet und die dumpfen Stirnen entfaltet, so mächtig war der Geist des Lebens in mir!

AUS DEM AUGENWINKEL nahm ich eine plötzliche Bewegung des Alten wahr. Sein Stuhl taumelte unter dem Ruck der unvermittelten Eingebung und kippte zu Boden. Der Alte stand für Sekunden in heftigem Zittern gefangen, starrte auf seinen Tisch, drehte sich ein, zwei Mal um sich selbst, murmelte Unverständliches, wie er es immer tat, und stolperte dann die Treppe hinab. Unten knallte die Tür ins Schloss und gleichzeitig rief Marcello:
He, Alter, ciao … lass dich mal wieder blicken … eh, was‘ los?!
Ein unverständliches, marcellones Murren noch, das Brodeln der Espressomaschine und wieder Stille; nur eine leichte Klavier-sonate schwebte unauffällig durch den Raum.
Diese Stille war ich gewohnt, ich suchte sie, auch heute noch. Ich liebe diese Stille, hinter der nur klassische Musik ein Netz spannt, in das ich mich fallen lassen kann, wenn der Stift unberührt liegt und die Stimmen der Vergangenheit mich verlassen.
Ich nahm den Stift wieder auf, schlürfte am Milchkaffeeglas und stierte durchs Fenster in den kalten Morgen, der in Übereinkunft mit den neblig schneetragenden Wolken die Spitze des Münsterturmes verbarg.
Du schweigender Idiot, hatte sie geschrieen, du gibst mir keine Möglichkeit, dir alles zu erklären. Ich bin noch da, rief sie, ich bin noch immer für uns da!
Saskia, hatte ich geantwortet, lass es. Ich will nicht mehr, ich will deine Erklärungen nicht mehr. Ich hatte leise die Tür hinter mir geschlossen. Hinter der Tür ging irgendetwas zu Bruch, ein Glas, vielleicht die kleine, chinesische Vase, die ich ihr ein paar Tage vor unserem Unfall geschenkt hatte, der Spiegel über ihrem Bett.
Jetzt erinnere ich mich: es war Sommer und nicht Winter – ein Frühgewitter war über die Stadt gezogen, letzte Tropfen glitten an der Scheibe herab. Ja, ich erinnere mich: das Taumeln des Alten, der Donner … die letzte Begegnung mit Saskia brennend im Geflecht der Sonne unter meiner Brust.

EINE GLÜCKLICHE ZEIT, Mutter, damals 1967, und heute? Du schreibst Gedichte irgendwo im Norden Deutschlands mit Seeluft, weil Ärzte dir geraten haben, dir das Asthma vom Leib zu halten. In dir die Sehnsucht nach dem Süden, nach deinem Mann mit der lauten Stimme und den großen Händen … leidest mit deinem Sohn, der auch das halbe Herz verloren hat. Ich weiß, Mutter, deine Arme sind offen, immer, doch vielleicht hab‘ ich dir nie verziehen, seit damals, du weißt, Mutter?!
Es ging uns doch so gut: Arlo Guthrie, Joan Baez, Maultrommeln und Gitarrenklänge, im Hinterhof; Feuerlodern … Hosentaschen voll mit Plunder, Räuber und Gendarm, erste Küsse und die Lippen werden abgerieben und der Ball ins Tor getrieben.
Wir waren stets zusammen und mit den anderen, wie gut tat uns das, und dass Vater in der Schule aufhörte, jeden Tag zu Hause blieb:
Lehrer – was für eine schwachsinnige Idee! Ich halte dieses engstirnige, biedere Gesocks in diesen muffigen Lehrerzimmern nicht mehr aus, diesen Lehrplanknast gepaart mit Dogmen-Ärschen, und das im Gebräu mit diesen Altnazis, die schlechtes Gewissen heucheln und im selben Atemzug sich nach dem nächsten Stammtisch sehnen!
Weißt du noch, Väterchen, Herbst 1968, deine Tränen wurden mehr und mehr … ich sehe dich da liegen, Tag um Tag in Depression, Bier um Bier, und ich strich durch unsere Wälder, Vater, blieb lange in der Stadt, um anderes wahrzunehmen als nur dieses Jammern:
Könnt ihr euch nicht vorstellen, was da unten in Vietnam geschieht … was ist das nur für eine Zeit?! Im Frühjahr erwischt es den guten alten King, gepriesen seien die Schwarzen, dann schon wieder einen dieser Kennedys, Robert, er sprach mit meinen Worten über diesen scheiß Krieg. Die Guten trifft’s, was soll man machen?! Kann denn dieser Erde keiner helfen, wo sind die Retter und Helden, die überleben und ihr Werk vollenden, nicht wie wir, die wir nur reden und unsre faulen, feigen Ärsche in breiten Sesseln platt sitzen?!
Und dann kam noch dieser Einmarsch der Russen in die CSSR und der Einbruch deiner letzten, noch übrig gebliebenen kommunistischen Sympathien. Identitäten verließen dich wie die Seele einen Toten, und du wurdest immer leerer. Heute, Vater, wenn ich irgendwo durch Zufall den Namen „Dubcek“ höre, wird mir fast schlecht, denn ich höre deine besoffene, desillusionierte, frustrierte Stimme, als ständest, lägest du nur einen Meter neben mir:
Halt durch Dubcek, halt durch Dubcek, halt durch Dubcek, halt durch…
Und, Mutter, als wäre es noch nicht genug gewesen: du, die du immer still und ertragend warst, all die Jahre nicht fähig warst, zu sagen, was dir nicht passt, all die Jahre hast du deine Schmerzen nur in Poesie verborgen, vielleicht war es ja gut für dich, aber ich, und Vater?! Plötzlich warst du weg, einfach weg, verschwunden … und lange Jahre und doch nur Minuten später: auch Saskia. Ich hasse diese familienbandigen Schicksalskopien, diesen Lebensabklatsch rührseliger Kinofilme, und wenn man Pech hat, kommt man nie an diesen einen Knopf, der alles auseinander faltet, wie ein Schmetterling seine Flügel, und dich ins Universum schleudert…
… als wäre es nicht genug gewesen, warst du plötzlich weg … kein Wort, kein Brief, nicht einmal ein Gedicht. Und ich war gerade neun Jahre alt geworden, es war Weihnachten, der Schnee rieselte, irgendwo da oben hinter den Wolken umkreisten die ersten Menschen den Mond, und ich erinnerte mich daran, wie du irgendwann Jahre zuvor mir sagtest:
Wenn die Menschen meinen Mond erreichen, dann ist es aus mit der Poesie!