Kapitel 2

der mond rollt über jene brücke bleibt vor meinen füßen liegen als ich ihn stupfe wandelt er sich in eine rote rose die sich an meinem bein nach oben windet dornen schlagen sich in meinen penis dann in das herz dann in den schädel bis blut fließt über mich die rote rose verläßt mich in den himmel gleich da meine sinne dunkel werden später als ich am rostigen geländer lehne steht der mond dort oben als wäre nichts gewesen und ich trinke blut das schmeckt nach wildem mohn.

Ihr bracht über mich herein, Vater, Mutter, an jenem Abend. Als ich mein Herz verlor, zum ersten Mal, als ich dort saß, am Rhein, und Saskia. Als wolltet ihr mich warnen vor der Liebe.

ES WAR KALT DAMALS, ich lief durch den Schneematsch der Ulmer Straßen, um dich zu identifizieren. Sie wollten es nicht, aber ich wollte es. Ich wollte dich noch einmal sehen, Vater, noch ein letztes Mal.
Wie sehr sehnte ich mich nach deiner lauten Stimme, die den Raum erfüllt hatte, ein paar Tage später, als ich fünfzehn wurde, und gleich darauf war Weihnachten. Deine Mutter war da, mit Tränen in den Augen, sie beweinte deinen Tod. Ich wünschte, du würdest hier bei uns sitzen und wieder die Kronkorken mit dem Feuerzeug von den Hälsen der unzähligen Bierflaschen fliegen lassen, uns zuprosten.
Ich hätte dir gerne noch gesagt, wie verletzend dein Gebrüll, dein Gejammer oft war, dass ich es satt hatte, ich wollte mit dir streiten, wenn ich groß bin, ich wollte dir sagen: hol meine Mutter zurück! Ich wollte dir noch sagen, dass ich dich liebe, etwas, das man nicht sagt zu seinem Vater, wenn man ein fünfzehnjähriger Sohn ist.
Weißt du noch, irgendwann im Frühjahr 68, als du wieder einmal losgezogen bist, zu deinen Freunden nach Hamburg, mit deinem kleinen, grünen Koffer? Irgendwann riefst du an, und Mutter fragte dich, wann du wiederkommen wolltest und ob du wieder bei dieser Bärbel wärest. Und du brülltest durch das Telefon, wir alle hörten es: Bärbel? Lass doch die Bärbel aus dem Spiel! Die haben den Dutschke angeschossen, könnt ihr euch das vorstellen, diese Drecksäcke … ich mach’ mich jetzt auf zum Springer-Haus, da wird noch was abgehen. Wir machen denen jetzt Dampf unterm Arsch.
Als du auflegtest, Mutter, waren da wieder die Tränen in deinen Augen. In dieser Zeit hatte ich Probleme mit den Beinen, war oft beim Arzt mit dir, erinnerst du dich? Wegen der Schmerzen, die Ärzte waren ratlos.
Dann kamst du wieder, Vater, wie immer, du umschlangst deine Frau, brachst ihr fast die Rippen vor Freude, warfst sie in die Lüfte und sie kreischte und gluckste. Du warst immer glücklich, Mutter, wenn er zurückkam, verziehst ihm alles, was geschehen war, durch ihn, dachten wir…
Du zogst mich auf deinen Schoß, Vater, brachtest mir ein Ge-schenk mit wie immer, legtest einen Pflasterstein auf die Kommode: das Bersten des Schaufensters hättet ihr sehen müssen! Jetzt ist Schluss mit Reden, auf zu Taten! riefst du stolz, und: haben wir noch Bier?! Abends saßen wir alle zusammen, ich spielte mit Lucy, der Tochter von Lars und Eva, die mit uns wohnten, und wir hörten, wie du erzähltest. Du sprachst von ein paar Studenten, die du auf den Straßen Hamburgs getroffen hattest, ich weiß nicht, warum ich mich gerade daran erinnere. Sie hatten Plakate um den Hals, mit Sprüchen gegen den Krieg in Vietnam und den Kapitalismus darauf. Ullrich hieß einer, und Erika. Und abseits stand einer, der sich andauernd Notizen machte, Uwe hieß er, oder Tim. Später hast du sie noch einmal gesehen, diesen Ullrich, vor dem Springer-Haus, und Tim schrieb immer noch. Dann hast du sie aus den Augen verloren.
Und du, Mutter, hattest deine dampfende Schale Vanilletee in deinen Händen, hörtest still zu und in deinen Augen glühte die Frage: und Bärbel? Und dann hast du Vater den Nacken massiert, liebevoll, wie so oft, und er schnurrte. Das wird ein heißer Sommer, das sage ich euch!
Als dann die Sonne die ersten Tage erhitzte, sagtest du: ich muss noch mal nach Hamburg, das versteht ihr doch. Was soll ich hier in Ulm, in diesem Nest, hier kann man doch nichts bewegen.
Und als die Tage wieder kälter wurden, kamen deine Tränen, Vater, diese Bärbel zog mit einem anderen nach Nicaragua. Die Tränen kamen und Mutter ging.
Jetzt, wenn ich dir schreibe, nenne ich dich Vater, früher nannte ich dich bei deinem Namen: Achim, oder Chi, wie alle dich riefen, Achim fandest du zu bieder, und später, als dein Bart wuchs und die Haare, machten sie aus dem i ein e. Wenn du mich besuchen kämest heute, wenn es dich noch gäbe, würde ich vielleicht Väterchen sagen, in Freude über dein immer wiederkehrendes Erscheinen.
Kurz vor meinem 15. Geburtstag, ich kam nach Hause, verschwitzt vom Sport, meine Beine hatten sich erholt mit den Jahren, lag da dieser Brief auf meinem Schreibtisch, an meinen Sa-muel. Selten hast du mich so genannt, und ich wusste, als ich so meinen Namen las, dass die Zeilen hinter dem Umschlag schwer wogen. Du sprachst mich auf diesem Umschlag mit diesem Namen an, der mich aus der Jugend tragen sollte, schon, noch viel zu früh, Samuel, der bald erwachsene Mann. Damit die Verantwortung deines Tuns, deiner Tat, nicht auf den schmächtigen Schultern deines kleinen Sammys lasten mussten: ich werde auf eine weite Reise gehen, Samuel … die anderen Worte habe ich vergessen, ich habe sie in die schwarzen Löcher dort oben verbannt. Ich verbrannte sie noch am selben Abend auf dem Schreibtisch, legte mich in mein Bett, zog die Bettdecke über den Kopf und schlief.
Am nächsten Tag, am frühen Morgen, klingelte das Telefon und ich wusste, du warst es, der von unseren Sternen anrief.
Dann lagst du da, vor mir, ich erkannte deine vollen, trotzig-traurigen Lippen, irgendwo unter all dem geschwollenen Rot und Blau und Grün ruhten deine Augen, doch was sind schon Augen ohne dich, du warst es nicht, der dort lag, auch wenn ich mit dem Kopf nickte zu dem Mann, der das Tuch zurück über diesen Schädel legte. Du warst schon gegangen, du auch, und ich konnte dir nicht einmal böse sein, denn du hattest auch die letzte Hälfte meines Herzens mitgenommen. Vielleicht, so dachte ich ein paar Wochen später, triffst du ja meine Mutter dort oben, und ihr könnt die beiden Hälften meines Herzens tauschen, oder wieder zusammenfügen, macht damit, was ihr wollt.

MARCELLO HATTE UNTEN Smetanas Moldau aufgelegt, sie plätscherte nun auch oben durch den Raum, in dem ich saß, von Erinnerungen benommen. Wie ein Kinderkreisel tanzten sie durch mich, oder besser: stampften, denn der Kreisel war groß wie Turtur, der Scheinriese, nur wurde mein Riese immer größer, wenn man ihm sich näherte, und er war noch immer so schwer wie der Tod. Aber ich versprach mir, dass er mit jedem geschriebenen Wort leichter werden würde.
Mein Vater liebte die Moldau. Sonntags früh, während er Kaffee kochte und Frühstück machte für alle, pfiff er die Melodie durch die Zimmer, nach und nach kamen wir verschlafen aus unseren Betten, ich setzte mich auf meinen Platz, rieb mir die Augen und er zupfte mich am Ohr: na, mein Kleiner, Cornflakes?
Marcello kam die knarrenden Stiegen hoch, einen Lappen in der Hand. Er wischte den Tisch, an dem der Alte gesessen hatte, hob einige Kippen vom Boden auf und warf sie in den Aschen-becher, ein zerknülltes Papier lag darin.
Marcello, warte, sagte ich, gib mir das Papier.
Eh, man glaubt es nicht, rief Marcello und warf mir mit entsprechend italienischer Geste das Knäuel zu. Ihr Schreiberlinge seid ja so unglaublich geizig.
Marcello ging zu einem jungen Mann hinüber, der dort in der Ecke saß, an einem dieser kleinen, runden Marmortische, ich hatte ihn noch nicht bemerkt. Vor einigen Wochen standen hier noch drei viereckige Holztische. Mir hatten sie besser gefallen, doch Marcello wollte Platz schaffen für mehr konsumierende Gäste. Wenn ihr schon alle stundenlang an den Tischen sitzt, sagte er, und schreibt und vergesst zu trinken … und ich habe dann am Abend einen Geldbeutel, der leicht ist wie eine Feder.
Das Segnalibro war Marcellos Heimat. Tag und Nacht war er dort, zapfte und putzte, plauderte und diskutierte, war Dichter und Träumer, hörte zu bis hinein in den frühen Morgen.
Im ersten Jahr musste das Segnalibro noch eine kleine Pizzeria gewesen sein, mit kitschigen Bildern von Capri und Sizilien an den Wänden, Flaschen lagen gefüllt mit Segelbooten auf den Tischen. Jetzt hängen gerahmte Photos, nicht viele, aber an den richtigen Flecken, von großen und auch kleinen Schreiberlingen, wie Marcello sie immer nannte.
Ich lernte Marcello und sein Segnalibro kennen zu der Zeit, als ich begann, meiner Liebe zu Saskia zu entfliehen.
Noch ein Mineralwasser, bitte, sagte der junge Mann leise, fast flüsternd und hielt Marcello mit einer schüchternen Bewegung das leere Glas hin.
Eh, claro, kommt sofort.
Ich schaute zu dem Jungen hinüber, nur kurz streifte er mich mit seinem Blick. Hallo, sagte ich. Er musste etwas geantwortet haben, ich verstand es nicht, die Worte verschwanden hinter diesem Blick, der sich in die Seiten eines Buches flüchtete. Er trug verfilzte Dreadlocks auf dem Kopf und bunte Baumwollkleidung, die seiner Schüchternheit widersprach, aus Indien oder Südamerika, er hatte Pickel im Gesicht. Dann stand er auf und verschwand leise hinter der Toilettentür.
Ich faltete den Zettel des Alten auf, strich ihn mit dem Hand-rücken glatt, und ich las die Zeilen, die unruhig über das Blatt fielen:

Regen rinnt auf kleine Klage,
ragend über kuschende Rinnsteine.
Stein lacht dampfend: Regen bildet mich.
Kragen kratzt im Nacken.
Ausgelotet von seinen Blicken umgehen die Schritte des Greisen eine Pfütze.
Seine Mütze fällt ihm grüßend aus der Stirn: Hat es jemals einen grübelnderen Tag gegeben?
Grübchen der Zufriedenheit streifen seine Mundwinkel.
Triefende Haare winken zum Abschied im Wind.
Blätterpaare finden den Weg nicht.
Paaren sich um diese Zeit nicht Gedanken
und Gewitterstürme?!

Zwei, dreimal noch las ich die Worte des Alten, dann zuckte ich mit den Schultern und beschloss, den Sinn hinter den Worten verborgen zu lassen.
Der Junge war noch immer nicht zurück an seinem Platz, es waren nun schon fast zehn Minuten vergangen. Ich fragte mich, ob ich nach ihm schauen sollte, da öffnete sich die Tür, er kam heraus mit rotglühenden Backen und setzte sich. Er trank mit einem Zug sein Glas aus und schrieb etwas in ein Notizbuch. Dann schnürte er seinen Stoffrucksack, nickte mir mit kurzem Augenaufschlag zu und ging.
Noch einmal zuckte ich mit den Schultern. Menschen sind merkwürdige Geschöpfe, dachte ich, im Durchschnitt einsfünfundsiebzig hoch, fünfzig breit und etwas weniger tief, und drinnen dieser unermessliche Raum, in dem wir stets umherirren, nach Identifikation und Anerkennung suchend, nach Erkenntnis und Erlösung.
Ich lehnte mich zurück und starrte durch die geöffneten Fenster. Erkenntnisse, dachte ich, findet man nur beim Einfach-so-Durchsfensterstarren, da bin ich mir sicher, hinauf in den blauen Himmel, an dessen Ende sich Horizonte reiben, bis sie sich ergießen und Haufenwolken sich bäumen, hoch, weißdunkel, mit Lust, für Saskia.