Kapitel 1

Ich gehe davon aus, meine Damen und Herren, dass Sie wissen, welch unerschöpfliches, aber auch unausgeschöpftes Reservoir Sie in sich tragen. Visionen, Träume, Ideen gedeihen auf blühenden Bäumen in warmen Nestern, und dann tritt der Schatten auf, der kreisend immer näher kommt, ein schneller, kalter Zugriff, und plötzlich sind Sie Ihrer Visionen und Träume beraubt. Ihr Nest ist leergefegt, einige Federn schweben verloren zu Boden und zurück bleibt ein Vakuum, in dem Sie sich resigniert und ergeben zurücklehnen. Zeigen Sie mir, meine Damen und Herren, und den Anderen hier im Saal – gegen das Gesetz der Trägheit und der Erdanziehung, die Ihre Arme und Hände im Schoß gefangen halten – zeigen Sie uns mit einem Fingerzeig, dass Sie alle solche Momente schon erfahren haben.
Neue Wege … einige Wochen zuvor war ich zu diesem Kongress in Basel eingeladen worden. Bis vor Tagen noch fühlte ich mich ausgezeichnet, hatte ich schließlich etwas zu sagen, die Menschen hörten mir zu und hin und wieder brachte ich Bewegung in Erstarrtes. Ich selbst hatte in den letzten Jahren zweifelsohne neue Wege beschritten, ich reduzierte die erschöpfende Bildschirmarbeit als Graphiker und Layouter, ließ mich als Supervisor ausbilden und begann, wankenden Teams und Betrieben aufzuzeigen, wie sie die vielfältigen Möglichkeiten eines Konfliktmanagements ausschöpfen konnten. Ab und an schrieb ich Artikel für die eine oder andere Zeitschrift und hielt Vorträge, ich überwand meine Menschenscheu und die Angst, vor Menschen zu reden. Ich öffnete mich, ging nach draußen und auf die Menschen zu. Es hatte mich elektrisiert, ich war von eigenem Stolz ergriffen, war beseelt von einer kreativen Kraft, die mich trieb und mich überzeugte im Kampf gegen das Zweifeln, gegen das Grübeln.
Die Vögel pfiffen den Frühling herbei, als ich an diesem Morgen 1990 durch die noch menschenleeren Straßen Basels zum Kongresszentrum schlenderte, die erste Wärme des Jahres tief einatmend und das Glitzern des Rheins.
Streifen Sie Ihre Fesseln ab, meine Damen und Herren, Sie haben es selbst in der Hand. Lockern Sie Ihre Krawatten, meine Herren, stellen Sie Ihren Fuß auf den Stuhl Ihrer Vorderfrau oder Ihres Vordermannes, wenn es Ihnen danach ist, meine Damen. Ändern Sie die Perspektiven. Ich möchte Sie bitten, jetzt, ungeachtet der unterschiedlich bezahlten Platzpreise, die Perspektive zu wechseln. Setzen Sie sich von vorn nach hinten, von rechts nach links; wenn Sie die Möglichkeit finden, die ich noch nicht sehe, dann auch von oben nach unten, und nehmen Sie wahr. Achten Sie darauf, was um Sie und in Ihnen vorgeht, wie sich das Blickfeld verändert, der Horizont sich erneuert, und vielleicht ändert sich nicht nur der Blick nach außen, sondern auch die Sichtweise im Inneren.
Fesseln – sie winden sich wieder an meinen Füßen nach oben, lassen sich kaum abstreifen in diesen Tagen. Dort unten tauschen Menschen in verspieltem Gelächter und zögerndem Muffeln ihre Plätze, manche beharren auf ihrer angestammten Sicht, und ich fühle wieder diese Distanz zu dem, was um mich geschieht. Wie ein unsichtbarer Vorhang sinkt sie zwischen mich und mein Tun, trennt mich vom Leben, das geschieht – und ich?
Ich darf den Faden nicht verlieren.
Sie hatten neue Plätze gefunden dort unten. Manches Mal in meinen Vorträgen hatte ich den Drang, mich unter sie zu mischen, aus ihrer Mitte heraus zu sprechen. An jenem Frühjahrstag aber war ich nicht bei der Sache, nicht bei den Menschen. Ich spulte mein Programm ab. Sie hatten ihre Plätze gefunden, manch Mutige saßen auf Schößen, andere standen jetzt, doch es blieb alles geordnet, im Rahmen.
Die Blicke waren wieder mir zugewandt, da öffnete sich die Tür. Eine junge Frau trat leise in den Saal. Einige Köpfe drehten sich zu ihr, sie ging geschmeidigen Schrittes an der Wand und den dort lehnenden Menschen entlang, hin zum großen Fenster. Sie ließ sich auf dem Sims nieder und die Beine baumeln, mit einem aufmunternden Blick in meine Richtung.
Lassen Sie sich durch mich nicht aufhalten, sprach dieses Lächeln, doch ich war schon aufgehalten, war sogar ziemlich aus meinem Konzept gebracht: langes, lockigschwarzes Haar umflutet vom Schein des Gegenlichts der Spätmorgensonne, das erwartungsfrohe Wiegen ihres in Schwarz gekleideten Körpers, nur ein roter Schal bildete einen augenfälligen Kontrast. Das Baumeln der Beine. Unter ihren Schenkeln ruhten die Hände verborgen, sie saß aufrecht und lächelte dieses Lächeln.
Räuspern und Husten im Saal rissen mich los von diesem Anblick, ich stotterte, nach meinem Faden suchend, der rot wie ihr Schal, mir abhanden gekommen war, dann fand ich ihn wieder, Wort für Wort, und sprach hinab in ihre Gesichter. Ich sprach über Dinge, über die man spricht, wenn man Ahnung hat und beseelt ist von ihnen, wenn man weiß und erfahren hat. Ich fand geheimnisvolle Pfade zwischen Poesie und Wissenschaft, zitierte Goethe und Goleman, Neruda und Wilber, Benn und Varela. Ich experimentierte, ich improvisierte, ich komponierte. Ich ließ mich von überschäumenden und gewagten Gedanken leiten, um gleich darauf dem idealistischen Treiben mit fundierten Fakten einen Boden zu geben. Ja, ich fand den roten Faden wieder, angetrieben von den Blicken dieser Frau, die sich jetzt, die Wärme genießend, von der Sonne in das Eck zwischen Fensterrahmen und Fenstersims malen ließ, den Kopf zur Seite geneigt.
Später, gegen Ende meiner Rede, unter den Fragen der Menschen, schwang ich mich schließlich zu Visionen einer neuen Weltethik empor … und unten, verdeckt vom Rednerpult, stocherte ich mit meinen Füßen, um an den juckenden Narben zu kratzen, in dem Eiter, der ausbricht von Zeit zu Zeit.
Die Zeit heilt keine Wunden, hätte ich gerne dort hinab gerufen, und dann kam jene Frage aus dem Nichts, aus dem Alles, die Frage, vom Sims her getragen durch den Strahl der Sonne, in dem weiße, kleine Flusen tanzten, und sie breitete sich aus auf meinem Manuskript und verbarg dahinter all die anderen Worte: die Frage, auf die ich unter dem Gelächter des Saales keine Antwort wusste:
Haben Sie heute Abend schon was vor?!

SIE HABEN SICH GUT GEHALTEN, als ich Ihnen vor all den Menschen diese Frage stellte. Kein Schimmer von Röte zierte Ihr Gesicht.
Saskia lachte fordernd. Genippter Rotwein verschwand hinter diesem Lachen, die andere Hand spielte mit ihrem Feuerzeug.
Ich hatte sie gefragt, was Saskia bedeutet. Nichts weiter, die aus Sachsen stammende, ganz ohne tiefere, romantische Bedeutung, antwortete sie. Ganz im Gegensatz zu Ihren leuchtenden Augen, schmeichelte ich. Sie strahlen südländisches Temperament aus. Ihr Vater sei Spanier, hatte sie gesagt, doch dann wechselte sie das Thema.
Nein, ich bin wohl nicht rot geworden, sagte ich, zumindest nicht dort, wo man es erwartet.
Sagen Sie das jetzt als Mensch oder als Mann?
Ich überlegte, ob ich von der Poesie des Herzens und seines Errötens ohne Scham sprechen sollte, doch ich tat es nicht, und es war nicht das erste Mal heute, dass ich auch zwischen meinen Schenkeln errötete.
Erzählen Sie von Ihrer ersten Liebe.
Heute, wenn ich mich erinnere, weiß ich nur noch wenig über die Worte, die wir sprachen, denn bald an diesem Abend brannte ich wie ein Johannisfeuer und mit mir die Worte. Heute sammle ich die Asche, um sie zu verstreuen, bald, über ihrem geliebten Meer oder auch nur über dem Rhein, da, wo alles begann.
Wir saßen auf den Stufen, davor floss das Glitzern. Wir hatten das Restaurant verlassen, schlenderten Arm in Arm durch die Straßen, als lägen schon Wochen, Jahre hinter uns. Wir saßen da, es war kalt geworden. Wir froren und froren nicht.
Du gefällst mir, sagte ich.
Schön!
Was schön?
Du!
Ich?
Nein, das Du…
Sie griff mit ihrer Hand in mein Haar, durchwühlte es und zog mich zu ihren Lippen.
Später, als erste Wolken den Sternenhimmel bedeckten und unsere Beine einschliefen, sagte Saskia:
Weißt du, was meine eigentliche Leidenschaft ist?
Fußball?
Wolken!
Wolken?
Wolken! Ich ziehe mit ihnen dahin, und wenn ich könnte, würde ich es mit ihnen treiben, dort oben mitten im Milchschaum. Sie reisten mit mir schon als Kind. Wo immer ich auch war, meine Wolken waren dabei. Unten auf der Erde fühlte ich mich fremd. Manchmal waren sie gefährlich, es blitzte und donnerte, manchmal waren sie liebevoll und wiegten mich. Drei Tage keine Wolke am Himmel und ich werde traurig. Sie kommen und gehen ohne zu verharren. Diese Schleierwolken da oben zum Beispiel, sie lösen sich auf vor deinen Augen, als wollten sie sagen: schaut her, wir sind nichts und doch die Welt. Ich habe ihnen immer Namen gegeben, passend zu ihrem Erscheinungsbild und zu meiner Stimmung. Wie würdest du die nennen, die da gerade mit dem Mond spielt?
Helga.
Helga? Einfach nur Helga?!
Ja, sie sieht aus wie das Profil von Helga.
Hast du sie geliebt?
Helga? Ich lachte laut, hinauf zu Helga, sie war unsere Putzfrau. Ja, ich liebte sie, wenn sie einmal in der Woche Licht ins Chaos der Büros brachte. Sonst war sie eher mürrisch und nicht sehr kontaktfreudig, sie hielt sich lieber an die Barriere der Hierarchien.
Saskia war schon wieder im Himmel. Und sie sind so still, hörst du, Samuel?!
Einige Minuten lauschten wir der Wolkenstille.
Samuel – meine Freunde nannten mich Sam oder Mas, einfach umgekehrt, spanisch. Ich mochte ihn noch immer nicht, meinen Namen, er war mir zu biblisch. Saskia spielte mit meinem Namen, Samu, zu kindlich, zu afrikanisch. Muel ist nicht schlecht, klingt wie Miel, Honig. Nein – du bist Samuel. Samuel … aus ihrem Munde gefiel mir mein Name.
Glaubst du eigentlich an all das, was du den Menschen in deinen Vorträgen erzählst?
An einem Tag ja, am anderen wieder nicht, sagte ich. Glaube und Überzeugungen sind ein verwirrendes Spiel. Vor ein paar Monaten aber, als die Mauer fiel, da glaubte ich sehr daran.
Warst du dort?
Nein, ich saß allein vor dem Fernseher und überließ mich meinen Tränen.
Denkst du, die Menschen werden ihre Freiheit nutzen?
Naja, es wird sein wie immer: wenn die Freude verebbt, wenn wieder Alltag einkehrt in die Köpfe, dann wird das Herz sich wieder sehnen. Die Menschen sind phantasievolle Ingenieure, was das Konstruieren von Mauern betrifft, auch in der so genannten Freiheit. Die Sehnsucht nach solchen Mauern ist groß, wir brauchen etwas, das wir überwinden müssen, was würden wir auch tun ohne Kampf, ohne das Leiden?
Manchmal hatte ich den Eindruck, dass du nicht wirklich Teil hast an diesem Wir, von dem du sprichst.
Ich dachte nach, ob ich gekränkt sein wollte über diese Worte, doch eigentlich hatte sie Recht. Ich war nie derjenige, der direkt am Geschehen teilnahm, der mit den Massen wogte, inmitten der Love Parade würde ich ersticken. Mehr schon war mir damals nahe und ist es auch heute noch, die Tür auszuwürfeln, an der ich klingeln wollte, hinter der ich dann mit einem fremden Menschen am Küchentisch sitzen wollte, um von ihm zu erfahren, was er über Gott und die Welt denkt. Ein paar Stunden würden genügen, ich bin kein Plauderer. Doch auch das habe ich nie getan. Ich habe die Welt durch Bücher, durch Zeitungen kennengelernt oder durch ein paar Reisen.
Erzähl mir von deiner Familie, sagte Saskia, von deinen Eltern, ich möchte wissen, wer du bist.
Bist du nicht ein wenig zu schnell? Es sind unsere ersten Stunden. Hat das nicht Zeit?!
Vielleicht sind diese ersten Stunden unsere letzten, wer weiß das schon. Ich will diesen Augenblick zur Ewigkeit werde lassen, und zur Ewigkeit gehört die Vergangenheit.
Ich spreche nicht gerne über meine Vergangenheit.
Warum?
Ich kenne dich nicht!
Traust du mir nicht?
Ich weiß nicht … nein, das ist es nicht.
Was dann?
Und dann brach es aus mir heraus, plötzlich, etwas, das mit betäubender Kraft vor Köpfe stößt: was willst du denn hören, verdammt noch mal, was willst du hören? Dass meine Mutter mich verlassen hat, als ich neun war – Wolken zogen vor den Mond – und dass mein Vater es vorgezogen hat, sich von einem Zug zerfetzen zu lassen als ich vierzehn war – der Mond kämpfte leise um sein Licht – ist es das, was du hören möchtest? In Ewigkeit und Amen?
Saskia machte sich los von mir, im letzten Licht des Mondes schimmerten Tränen auf ihren Wangen. Sie stand auf und ging. Ich hielt sie nicht zurück.