Geschriebenes

 

Wolkenbruch

Manches vergeht, manches scheitert. Vieles bleibt. Ein Roman über die Suche nach Bedeutung und Glück.

Ein großartiger Roman. Er lebt von seinem Ernst, der Groteske, seinem Humor, ist anrührend, lyrisch, melancholisch, witzig, lebenslustig und -unlustig zugleich.
Malte Bremer, literaturcafe.de

Herausgeber: Vito von Eichborn 
 

 

In Uns und Außen

Jenes, das vor dem Anfang steht…
Chile. Es regnet. Es regnet schon seit Tagen. Ein Freund und ich sind in diesem weiten Land mit dem Fahrrad unterwegs, jetzt warten wir, bis der Regen ein Ende findet.
Ich sitze in einer Peña und lese. Bruno Serrano steht an der kleinen Theke und poliert Gläser. Er ist der Besitzer dieser Peña, ist Schriftsteller und Freund von Victor Jara, der in der Folterhölle des Stadions von Santiago ermordert wurde. Bruno hat mir ein Buch in die Hände gelegt, ein Gedichtband von chilenischen Frauen. Während der Diktatur unter Pinochet war er oft als Besucher in einem Frauengefängnis, er schmuggelte Bleistifte und Papier in die Zellen. Die Frauen schrieben, zu Beginn nur zögerlich, dann immer lauter, wütender, irgendwann schrie es auf dem Papier, und es weinte. Bruno gab ihnen mit diesem heimlichen Stift wieder eine Stimme. Die Verhärtung der Verletzung, der Scham, der Wut und Trauer konnte sich ein wenig lösen, und das Erfahrene begann nach außen zu dringen. Es wurde ein Buch daraus.

Jetzt, da ich hier sitze, in dieser Peña, ist die Diktatur zu Ende, seit Jahren schon, doch noch immer steckt in den Köpfen der Menschen erlebtes Grauen. Sie reden nur spärlich und mit geduckter Haltung über diese Zeit, viele haben noch immer Angst, sind mißtrauisch, andere wollen sich nicht erinnern.
Ich lese in diesem Buch und werde eingenommen von der sprachlichen Tiefe, von den Worten, die mich unmittelbar und direkt erreichen, die mir ein Bild wie kein anderes von der schweren Zeit dieses Landes vermitteln. Die Worte sind traurig, melancholisch, resigniert, aber auch entsetzt, kraftvoll, energisch. Sie schmerzen, lassen erstarren, stören,
aber sie sind auch aufrüttelnd, bewegend, machen Hoffnung. Und sie hallen nach…

Die Vision…
Viele Jahre später auf einer Bank, oben am Waldrand. Ich blicke über Schönberg und Kaiserstuhl zu den Vogesen. Unten die ersten Abendlichter der Stadt. Plötzlich drei Gedanken, fast gleichzeitig: die Erinnerung an Bruno Serrano, an dieses Buch – Gedanken an meine Gruppe am nächsten Morgen in der Psychiatrie – die Gewissheit, dass ich etwas ändern werde.
Kaum später sitze ich zu Hause und entwickle ein neues Rahmenkonzept für den nächsten Morgen. Auch ich möchte den Patienten in meinen Gruppen die Möglichkeit bieten, sich zu äußern und dem Erleben während der Phase einer seelischen Erkrankung eine Stimme zu geben – auf andere Art und Weise, nicht nur im therapeutischen Gespräch, sondern mit dem Stift, mit den vielfältigen Materialien der Ergotherapie und den modernen, kreativen Bereicherungen der Computerwelt. Und letztendlich, vor allem, mit dem Bedürfnis nach Austausch und mit dem Mut und der Verantwortung, diese Stimme auch an die Öffentlichkeit zu tragen.